Lesebuehne 9

vom ersten Quartal 2021 - zur Zeit daungelockt

Irmtraud Morgner - Leben und Abenteurer der Troubadora Beatrix nach den Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura (2010)

Sie kombiniert die Welt der Troubadora aus dem Mittelalter mit der Welt der Laura in der DDR. Der Leserin versucht beide mit seinem Leben heute zu kombinieren und so wirkt die Sprache in ihr. Schöne Empfehlung der Panters.

Lutz Seiler - Kruso.

Ein DDR- Schriftsteller will auf Hiddensee einen Roman schreiben. Er wird Tellerwäscher und freundet sich mit dem Kollegen Kruso an. Der bereibt eine Fluchthilfeorganisation, bei der die meisten Ausreiser spurlos verschwinden. Das Ganze auf 475 Seiten. Es soll der Roman des Jahres 2014 sein.

Christopher R Browning - Ganz normale Männer. Das Reserve- Polizeibataillon 101 und die Endlösung in Polen.

1992 erschien das Buch zum ersten Mal, während zusammen mit Daniel Goldhagen und anderen über die Akten der Polizeibataillone es zu einer Auseinandersetzung darüber kam, ob die Deutschen Hitlers willige Vollstrecker waren oder ganz normale Männer. In der Wiederauflage steht nicht viel Neues, was aber nach wie vor erschüttert, wie auch aus unwilligen Vollstreckern in kurzer Zeit Hyänen werden. Man könnte sagen, sie waren beides gleichzeitig.

Phänomenologie des Geistes von Georg Friedrich Hegel gibt es im Gutenberg Archiv. Ziemlich harter Stoff. Man muss sich etwas reinfummeln, bis man die Bedeutungen von Sich Selbst, An Und Für Sich, und ähnliche Begriffe drauf hat, weil einige Sätze auch endlos lang sind. Sein Versuch, die Philosophie zu retten war vergeblich, wie wir heute wissen. Sein Ziel war es, sie in die Wissenschaft zu kriegen. Sein berühmter Schüler Karl Marx hat ihn vom Kopf auf die Füße gestellt, seiner Meinung nach. Das hat auch nicht viel gerettet, der Geist war einfach raus. Die Geschichte der Kommunisten hat gezeigt, dass es noch einmal zu Hegel zurück muss. 1978 war mein erster Versuch, dies zu lesen. Ich kam bis Mitte erstes Kapitel. Hatte nichts kapiert. Hier ein paar Kostproben aus dem Vorwort. Wer damit was anfangen kann -- nur zu!-->

Dreck- Friedrich Hebbel- Agnes Bernauer, ein deutsches Trauerspiel in 5. Akten, Verlag Dr. Matthiessen &Co; 1851. Eine bayrische Begebenheit soll es gewesen sein. 96 Seiten, schnell gelesen. Der Plott: zwei dürfen nicht zusammen bleiben. Agnes, eine Mischung aus Heiliger und Hexe ist die Tochter eines Baders, und der Herzogssohn Albrecht ist ein übler Draufgänger. Beide finden sich auf einem Stadtfest in Augsburg. Weil Albrecht einer anderen versprochen ist, wird sie entführt und hingerichtet. Albrecht verzeiht seinem Vater nachdem dieser ihm mit der Staatsführung beauftragt, und Agnes kommt überhaupt nicht mehr vor in der Story. Am Ende erklärt Frau Professor Münch dem enttäuschten Leserstaat, wie toll es ist, dass Hebbel sich nicht in die Reihe der bürgerlichen Revolutionäre eingereiht hat, und "das Stück zu einem leidenschaftlichen Protest gegen fürstliche Willkür" machte, sondern Verständnis zeigte für die Staatsführer. Georg Herwegh kommt meiner Meinug schon näher. Er warf dem Autor nach der Münchner Uraufführung vor, er habe in diesem Stück "des Unrechts nackte Klarheit […] als Recht gelehrt", und riet ihm, die Schriftstellerei aufzugeben. Aufführungen in Weimar und Stuttgart fanden aber beim Publikum großen Anklang, Agnes Bernauer wurde Schullektüre und noch im 20. Jahrhundert oft gespielt. Ein so dauerhafter Erfolg war keinem von Hebbels unmittelbaren Nachfolgern vergönnt. Das kann noch heiter werden bei der Aufarbeitung Wesselburener Geschichte.

die weiße Rose CoverAn meinem Stapel auf dem Nachttisch vorbeigesprescht ist Die weiße Rose - ein 1929 erschienener Roman von B. Traven, in dem es um das Schicksal der von Indianern bewohnten Hacienda "Die weiße Rose" im Mexiko der 1920er geht.

Die Handlung ist dreigeteilt: Zunächst beschreibt Traven das idyllische, harmonische und naturverbundene Leben der Indianer auf der Hacienda und bedient dabei bewusst alle Klischees vom romantischen Indianerleben. Weiter beschreibt er detailreich das gegensätzliche Leben des Mr. Collins, Chef eines Öl-Konzerns, welcher an dem Land der weißen Rose interessiert ist. Dann wird aber der Besitzer der Hacienda ermordet und Chaney C. Collins, Präsident der Condor Oil Company, eignet sich die Farm widerrechtlich an.

Traven entzieht in diesem Buch dem Kapitalismus seine mystische Komplexität, indem er das System auf das Wechselspiel zwischen dem Protagonisten und Antagonisten reduziert und die Motivationen und Ursachen ihres Verhaltens deutlich werden lässt. Die letzte Zeile des Buches lautet: "Was kümmert uns der Mensch? Wichtig ist nur das Öl."

widmungFür Kurt Tucholsky, der Traven bewunderte, war die Figur des Mr. Collins die einzige gelungene Darstellung eines Geschäftsmannes in der Literatur. Das Buch stand eventuell Pate für die Weiße Rose, eine Widerstandsgruppe im Nationalsozialismus. Jedoch gab Hans Scholl nach seiner Verhaftung im Gestapo-Verhör am 20. Februar 1943 an, den Namen "willkürlich gewählt" zu haben: "Zurückkommend auf meine Schrift ‚Die weiße Rose' möchte ich […] folgendes erklären: Der Name ‚Die weiße Rose' ist willkürlich gewählt. […] Es kann sein, daß ich gefühlsmäßig diesen Namen gewählt habe, weil ich damals unmittelbar unter dem Eindruck der spanischen Romanzen von Brentano ‚Rosa Blanca' gestanden habe. Zu der ‚Weißen Rose' der englischen Geschichte bestehen keine Beziehungen." Diese Aussage ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, denn möglicherweise wollte Hans Scholl seine Motive verschleiern, um die anderen Mitglieder zu schützen. Als sicher kann gelten, dass Hans Scholl das Buch von Traven kannte und schätzte. Mit Widmung vom 1.Dezember 1929.

B. Traven, vermutlich als Herrmann Albert Otto Max Feige * 28. Februar 1882 in Schwiebus; heute Świebodzin - Polen, † 26. März 1969 in Mexiko-Stadt, deutscher Schriftsteller und mehrfach verfilmter Bestsellerautor, ist nach gegenwärtigem Erkenntnisstand das Pseudonym des deutschen Metallfacharbeiters und Gewerkschaftssekretärs Otto Feige. Seine Werke wurden in über 24 Sprachen übersetzt und erreichten eine geschätzte Gesamtauflage von über 30 Millionen. (Wikipedia)

Bisher habe ich gelesen: Das Totenschiff: Geschichte eines amerikanischen Seemanns von 1926, Büchergilde Gutenberg, Berlin, verfilmt 1959 von Georg Tressler mit Horst Buchholz, Mario Adorf und Elke Sommer, Die weiße Rose, Büchergilde Gutenberg, Berlin von 1929 und Die Rebellion der Gehenkten, Büchergilde Gutenberg, mitlerweile Zürich/Prag von 1936.

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